Dieser Post ist Teil einer Serie über die grundlegenden Zusammenhänge zwischen Arbeit und Gesundheit. Um den ersten Post zu lesen klicken Sie hier.

Warum macht der gleiche Job manche Menschen krank und andere nicht?

Stellen Sie sich eine Schule vor, mit einem Lehrkörper von etwa 50 Personen. Im Jahr 2010 gingen ca. 10% der Lehrer krankheitsbeding in Frührente. In unserem Beispiel wären das also 5 Personen. In einer Schule sind die Bedingungen für alle Lehrer fast identisch: Die Klassen überschneiden sich, die Räume und Kollegen sind die gleichen, es haben auch alle den gleichen Rektor über sich. Wenn also Schüler, Eltern, Kollegen, Führungskräfte und Umgebung für alle so ähnlich sind, warum werden dann manche so krank, dass Sie in Rente gehen und andere nicht? Alleine diese externen Faktoren reichen nicht als Erklärung.

Was genau muss ein Lehrer denn eigentlich tun? Es sind viel mehr Aufgaben, als nur das Unterrichten vor der Klasse. Es gehören noch dazu: Planung, Kontrollen, Beratungen, Erstellen von Material, administrative Aufgaben und erzieherische Aufgaben, die mit dem Lernstoff nichts zu tun haben. Ich habe in der Vergangenheit schon viele Lehrer als Kunden gehabt in Coachings und Trainings. Sie haben alle das Gleiche berichtet: Die Arbeit außerhalb der Schule braucht sehr viel Zeit, oft auch am Wochenende und ist sehr anspruchsvoll – nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich. Aber die Menge an Aufgaben reicht auch nicht, um zu erklären, was manche krank werden lässt und andere nicht.

Alles eine Frage der Salutogenese

Um genau zu verstehen, wie es zu Krankheit kommt lohnt sich ein Blick auf das Modell der Salutogenese, also die Lehre von den Dingen, die gesund machen, von Antonofsky. Dabei handelt es sich um ein Modell, dass zeigt was Menschen brauchen, um sich vor Krankheit zu schützen. Es steht der Pathogenese, also der Lehre der Krankheitsentstehung, komplementär gegenübuer. Während der pathogenetische Ansatz sich darauf konzentriert (so wie es die meisten Ärzte tun) zu vermindern, was krank macht, konzentriert sich salutogenes Vorgehen darauf zu fördern, was gesund macht. Laut Noack (1997) lassen sich die Ansätze so darstellen:

Salutogenese und Pathogenese

Um also das Beispiel aus der Schule jetzt salutogen zu erklären, müssen wir darauf achten, welche gesundheitsförderlichen Aspekte zu kurz kommen, um zu verstehen was die Lehrer krank macht.

Ich möchte mich in diesem Post auf die Ressourcen konzentrieren, die in der Tabelle angesprochen werden. Was ist damit gemeint? Ressourcen sind (psychologische) Quellen von Kraft, die wir nutzen können, um Herausforderungen zu bewältigen. Es gibt Ressourcen, die in der Person selbst vorhanden sind (Widerstandsfähigkeit, Flexibilität, Sinnhaftigkeit, Selbstvertrauen, etc.) und auch Ressourcen die extern sind (Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Unterstützung, Lob, Pausen, usw.). Stress ist an dieser Stelle besonders, denn er kann sowohl eine Belastung sein als auch eine Ressource.

Welche Ressourcen haben oder vermissen Lehrer? Meiner Erfahrung nach ist Unterstützung im Team zum Beispiel eine Seltenheit an Schulen. Es wird vermieden, sich gegenseitig über die Schulter zu schauen oder es gibt einfach keine Zeit dafür. Lob bekommen Lehrer auch nur selten, erst recht nicht von Ihren Kollegen. Einen Sinn in Ihrer Tätigkeit sehen meiner Erfahrung nach sehr viele Lehrer – zumindest zu Beginn ihrer Karriere. Zugehörigkeit zu einer Gruppe empfinden Sie in der Regel auch, schon alleine weil der Lehrerberuf vielerorts noch hohes Ansehen genießt. Pausen wiederum sind im Lehrerberuf selten, solange der Unterrichtsbetrieb läuft. Aufsichten, Laufwege und Einzelgespräche verbrauchen in der Regel die verfügbare Zeit dafür.

Die häufigsten Krankmacher im Lehrerberuf sind laut einem Review von Kraft (2015) übermäßiges Engagement auf Seiten der Lehrer, die enorme Aufgabenfülle besonders für ältere Lehrer und auch das Schülerverhalten. Es spielte sicherlich auch das Geld eine Rolle: Seit die Abschläge für die Frührente erhöht wurden ist die Anzahl der frühpensionierten Lehrer rückläufig (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2012).

Alles eine Frage der Perspektive!

Ich finde besonders spannend, dass grade sehr engagierte Lehrer eher zur Frührente neigen. Die Lehrer, die ich bisher kennenlernen durfte, waren auch häufig engagiert. Sie probieren dann, in jeder Unterrichtsstunde dem ideal aus den Lehrbüchern nachzueifern. Das ist aber natürlich hochgradig ineffizient: Um eine Unterrichtsstunde von 45 Minuten auf diesem Niveau vorzubereiten sind mehrere Stunden Arbeit nötig. Lehrer haben in der Regel etwa 28 Unterrichtsstunden pro Woche – wenn dann die Vorbereitungszeit pro Stunde gemittelt auch nur bei 45 Minuten liegt, ergibt das schon eine Wochenarbeitszeit von 42 Stunden. Da fehlen dann aber eben noch die nicht-lehrenden Aufgaben wie Berichte schreiben, Arbeiten kontrollieren, Noten vergeben, Aufsicht leisten etc. etc.. Aber was ist denn jetzt die Lösung für Krankheit durch übermäßiges Engagement?

Meiner Meinung nach heißt die Lösung “Ergebnisunabhängigkeit”. Damit ist gemeint, sich darauf zu konzentrieren seine Aufgabe gut zu erfüllen und in diesem Fall eben lehrreichen und

Das Verhalten der Schüler ist ein weiterer spannender Faktor, denn wir sollten ja annehmen, dass die Schüler in allen Klassen ein ähnliches Verhalten an den Tag legen. In Härtefällen können Klassen Lehrer regelrecht mobben, doch meist kommt das Mobbing aus dem Lehrerzimmer. Was Lehrer vermutlich am Verhalten der Schüler meistens stört ist eher mangelnde Disziplin, Motivation oder eine niedrige Lernbereitschaft. Klar ist das nervig, doch wer sich davon die Gesundheit ruinieren lässt tut sich das selbst an. Entscheidend ist hier wirklich die Perspektive, mit man drauf schaut: Wenn jemand den Anspruch an sich stellt, alle Schüler zu akademischen Überfliegern auszubilden, programmiert sich die eigene Enttäuschung schon vor, denn das ist ziemlich unwarscheinlich. Nimmt eine Lehrperson hingegen sich vor, täglich das bestmögliche Ergebnis rauszuholen, und konzentriert sich darauf, guten Unterricht zu geben, der lehrreich, aktiv und unterhaltsam ist, dann bleibt für das Ergebnis noch etwas Verantwortung für die Schüler übrig. Soll heißen, wer sich alleinverantwortlich für die Erfolge anderer macht, macht deren Misserfolge zu den eigenen. Wenn man dann jahrzehntelang solche Erlebnisse hat, dann fühlt man sich eben irgendwann auch wie ein Loser. Wer sich aber darauf konzentriert, was er oder sie wirklich beeinflussen kann und die eigene Leistung vornehmlich daran misst, der empfindet mehr Kontrolle über seine Arbeit und wird dadurch auf lange Sicht auch gesünder.

Zusammenfassung: Was kranken Menschen fehlt

Am Beispiel der Lehrer lässt sich schon erkennen: Es kommt viel darauf an, mit welcher Einstellung man die Dinge tut und welche Perspektive man einnimmt. Das ist so 1 zu 1 auch auf alle anderen Berufe übertragbar. Natürlich gibt es auch krankmachende Dinge, die nicht persönlich sind: Unergonomische Stühle, schweres Heben, schlechte Luft oder einseitige Belastungen (wie z.B. ständiges Sitzen von Busfahrern) können genauso krank machen. Und doch zeigt sich: Menschen die Zugriff auf ausreichend Ressourcen haben werden seltener krank, schneller gesund und machen weniger Fehler bei der Arbeit.

Ich maße mir nicht an, eine vollständige Liste mit allen möglichen Ressourcen erstellen zu können. Ich kann aber eine Liste anbieten, in der die wichtigsten und am häufigsten genannten Ressourcen genannt sind, deren Fehlen das erkranken von Menschen begünstigt:

  1. Sinnhaftigkeit: Wer einen Sinn in seinem Tun sieht, erträgt so manches “wie”. Denken Sie nur mal daran, unter welchen Bedingungen zum Beispiel “Ärzte ohne Grenzen” arbeiten und dabei leistungsfähig bleiben.
  2. Autonomie: Fühlen wir uns, als hätten wir Kontrolle über unsere Arbeit und unser Leben, dann stärkt uns das. Fühlen wir uns hingegen abhängig vom Zufall, unserer Umgebung oder von anderen Menschen führt das schnell in einen Zustand von Hilflosigkeit und Resignation.
  3. Zugehörigkeit und Anerkennung: Jeder Mensch möchte Teil einer Gruppe sein, und von ihren Mitgliedern auch für seine Arbeit anerkannt werden. Die wenigsten fühlen sich als Einzelkämpfer wohl und wenn wir für unsere Mühen keine Anerkennung erfahren, dann macht das auf die Dauer auch krank.
  4. Wachstum und Entwicklung: Menschen sehnen sich nach dem Gefühl, in etwas besser zu werden. Erfolgserlebnisse bei immer schwereren Aufgaben zeigen uns, dass wir Fortschritte machen. Daraus kann man Selbstvertrauen und Motivation schöpfen. Sind wir hingegen über- oder unterfordert, dann führt das schnell zu Frust.
  5. Pausen und Erholung: Auch wenn Stress gut sein kann – was wir wirklich brauchen, um gesund zu bleiben ist ein Wechsel aus Anstrengung und Erholung. Wer lange arbeitet ohne Pausen zahlt dafür einen hohen Preis an Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Auch Hobbies und nicht-Arbeitstätigkeiten sind wichtig, um den Kopf frei zu kriegen.
  6. Wertschätzung: “Nicht gemeckert ist genug gelobt” ist wohl der schrecklichste Satz, denn jemand am Arbeitsplatz äußern kann. Wer keine Wertschätzung erfährt von seinem Umfeld, der wird sich irgendwann wert-los fühlen und in ein tiefes Loch fallen.

 

Die Liste könnte noch eine Weile so weiter gehen, doch sie reicht völlig aus für folgende Übung: Denken Sie mal an Ihr eigenes Leben – Wo haben Sie Zugriff auf diese Ressourcen gehabt und wo nicht? Was wäre, wenn Sie auf keine davon zugreifen könnten? Wie gesund würden Sie sich dann fühlen? Und zu Guter letzt: Was können Sie heute noch tun, um jemand anderem ein wenig von diesen Ressourcen zu geben?

 

Im nächsten Beitrag wird es darum gehen, welche konkreten Schritte jede und jeder im Alltag unternehmen kann, um sich selbst mit Ressourcen anzureichern und dadurch seine psychischen Abwehrkräfte zu stärken. Bis dann!

 

 

 

 

 

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